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    Lehrstuhl für Botanik II - Ökophysiologie und Vegetationsökologie

    Wichtiger Mosaikstein der Wissenschaftsgeschichte

    19.01.2021

    Nur ein einziges Mal hat Wilhelm Conrad Röntgen öffentlich seine Entdeckung vorgestellt. Dank einer anonymen Schenkung ist jetzt der handschriftliche Bericht über diesen Vortrag an die Uni Würzburg zurückgekehrt.

    Übergabe der handschriftlichen Protokollbände im historischen Röntgen-Hörsaal der FHWS. Im Bild (v.l.): Utz Fischer, Manfred Gessler und Manfred Schartl von der PMG sowie Hans-Günter Schmidt, Leiter der UB.
    Übergabe der handschriftlichen Protokollbände im historischen Röntgen-Hörsaal der FHWS. Im Bild (v.l.): Utz Fischer, Manfred Gessler und Manfred Schartl von der PMG sowie Hans-Günter Schmidt, Leiter der UB. (Bild: UB Würzburg / Marco Dittrich)

    Ein wenig mysteriös ist die Geschichte zweifelsohne: Anfang 2020 klingelt bei Manfred Gessler, Inhaber des Lehrstuhls für Entwicklungsbiochemie der Universität Würzburg und Mitglied im Vorstand der Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft Würzburg (PMG), das Telefon. Ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will, kündigt an, dass er demnächst vorbeikommen und zwei Werke aus dem Bestand der PMG übergeben werde. Das Treffen zum vereinbarten Zeitpunkt kommt allerdings nicht zustande. Wenig später meldet sich der anonyme Anrufer wieder per Telefon: Er habe bei seinem Besuch in Würzburg leider keine Zeit mehr gehabt für einen Abstecher an die Uni.

    Dann passiert erst einmal lange nichts, bis Ende 2020 eine junge Frau im Sekretariat des Lehrstuhls auftaucht. Auch sie will anonym bleiben, hat aber immerhin die beiden Bücher dabei, die sie im Namen ihres Vaters abgibt, bevor sie wieder verschwindet. Ihr „Geschenk“: zwei Protokollbücher, die die handschriftlichen Berichte über die Sitzungen der Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft Würzburg der Jahre 1894/95 bis 1929 enthalten.

    Protokoll eines historischen Vortrags

    „Schon beim ersten Aufschlagen bin ich zufälligerweise auf das Protokoll des Vortrags gestoßen, den Wilhelm Conrad Röntgen am 23. Januar 1896 auf einer Sitzung der Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft gehalten hat“, berichtet Gessler. Der Vortrag mit dem Titel „Über eine neue Art von Strahlen“ war der erste und einzige, den Röntgen über die Entdeckung der nach ihm benannten Strahlen hielt. Dabei zeigte er auch die spektakuläre „Röntgen“-Aufnahme von der Hand des Würzburger Anatomieprofessors Albert von Koelliker.

    Gessler und der Vorstand der Gesellschaft, Professor Manfred Schartl, waren sich schnell einig, dass die handschriftlichen Protokolle in der Universitätsbibliothek Würzburg (UB) aufbewahrt werden sollten, in deren Buchbestand sich alle Publikationen der PMG und darunter auch die publizierten Sitzungsberichte befinden. Damit kämen sie an den eigentlichen Aufbewahrungsort wieder zurück, so Gessler. Im Rahmen eines Pressetermins hat die PMG jetzt die außergewöhnlichen Autographen offiziell an die UB übergeben.

    Digitalisierung durch die UB

    Nach den Worten von Manfred Gessler sind die Protokollbände ein „wichtiger Mosaikstein“ für die Wissenschaftsgeschichte der Universität Würzburg. Die Sitzungsberichte dokumentieren die Bedeutung, die eine Fachgesellschaft wie die PMG für die Kommunikation und Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse zur damaligen Zeit besaß, ergänzt Manfred Schartl.

    Alle Publikationen der Gesellschaft werden nun mit finanzieller Unterstützung der PMG vom Digitalisierungszentrum der UB digitalisiert. Dr. Hans-Günter Schmidt, der Leiter der UB, dankte den Vertretern der PMG für die Übergabe der Aufzeichnungen an die Universitätsbibliothek und betonte den Mehrwert, der sich mit der Digitalisierung für die Öffentlichkeit ergibt: „Perspektivisch stehen damit die für die Wissenschaftsgeschichte einzigartigen Dokumente der gesamten interessierten Öffentlichkeit digital zur Verfügung.“

    Vom handschriftlichen Protokoll zum gedruckten Bericht

    Die beiden übergebenen Protokollbücher bilden eine wertvolle Ergänzung der publizierten Sitzungsberichte der PMG. Mit ihnen lässt sich auf beeindruckende Weise der Publikationsprozess von den handschriftlich verfassten Protokollen zu den gedruckt publizierten Sitzungsberichten nachzeichnen. Die mit einem Pappeinband versehenen Bände im A5-Format enthalten chronologisch nach Jahrgängen geordnet die Protokolle, beginnend mit dem Jahr 1894/95 und dem Protokoll über die erste Sitzung am 15. Dezember 1894, endend mit dem Jahrgang 1929 und der 12. Sitzung am 20. Juni 1929. Zahlreiche Schreiber und Schriftbilder sind zu erkennen; teils sind Ausschnitte aus Veröffentlichungen eingeklebt.

    Der erste Band enthält das handschriftliche Protokoll von Röntgens Vortrag. Den Text hatte der Physiker bereits am 28. Dezember 1895 an die PMG übermittelt; noch im gleichen Jahr wurde er im letzten Bericht der Gesellschaft gedruckt. Die erste Publikation Röntgens über die Entdeckung der X-Strahlen erscheint Ende 1895 als Separatdruck im Würzburger Stahel-Verlag. Da der Druck schnell vergriffen ist, bringt Stahel 1896 weitere vier Auflagen der berühmten Publikation Röntgens heraus.

    Vortrag vor einem begeisterten Publikum

    Röntgens Vortrag, der der einzige über seine Entdeckung der X-Strahlen bleiben sollte, ist ein Beispiel für „Science Communication“ am Ende des 19. Jahrhunderts. Im Protokoll zur Sitzung wird berichtet, dass Röntgen nicht nur vor einem begeisterten Auditorium über die Entdeckung der X-Strahlen berichtet, sondern er fertigt live, vor den Augen der Zuhörenden, eine Röntgen-Aufnahme der Hand Albert Koellikers an, dem damaligen Ehrenpräsidenten der PMG. Damit liefert er während der Sitzung einen für alle Teilnehmenden visuell wahrnehmbaren Beweis seiner Entdeckung.

    Die Aufnahme der Hand Koellikers wird zusammen mit Röntgens „Zweiter Mitteilung“ im Anschluss an den Vortragsbericht in den Sitzungsprotokollen publiziert. Auf dieser historischen dritten Sitzung der PMG schlägt Koelliker auch vor, die X-Strahlen künftig als „Röntgen’sche Strahlen“ zu bezeichnen. Röntgen wird die Strahlen nie so nennen; er verwendet Zeit seines Lebens die Bezeichnung „X-Strahlen“.

    Sobald es die Pandemiesituation zulässt, plant die UB eine größere Veranstaltung, bei der die breite Öffentlichkeit die einzigartigen handschriftlichen Dokumente und weitere Autographen rund um den Wissenschaftler und Menschen Wilhelm Conrad Röntgen aus dem Bestand der Universitätsbibliothek Würzburg bewundern kann.

    Weitere Bilder

    Von Dr. Katharina Boll-Becht / Gunnar Bartsch

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