„Welcher Waldtyp bist du?“ - Wald-Denkpfade bei Darmstadt eröffnet
14.04.2026Ein stadtnaher Wald soll vieles zugleich sein: Erholungsraum, Lebensraum, Klimaschützer – und zugleich Wirtschaftsraum. Wie sich diese Ansprüche vereinbaren lassen, ist eine der zentralen Fragen unserer Zeit. Genau hier setzt ein neuer Walddenkpfad an. Er will kein klassischer Lehrpfad sein, sondern ein Ort, der zum Nachdenken anregt – und zum Austausch. Entstanden ist das Projekt aus einem interdisziplinären Forschungsverbund der TU Darmstadt und der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Beteiligt waren Linguistik, Politikwissenschaft und Biologie. Ziel: Konflikte rund um den Wald sichtbar machen – und verständlich.
Wer in Alsbach-Hähnlein oder im westlichen Stadtwald in Darmstadt unterwegs ist, kann den Wald künftig auf eine ganz besondere Weise erleben. Zehn beschilderte Stationen laden dazu ein, sich bewusst und kritisch mit der Umgebung auseinanderzusetzen.
Anders als ein klassischer Lehrpfad, zielt der etwa drei Kilometer lange Rundweg weniger auf Belehrung, sondern auf Selbstreflexion ab. An den Stationen werden Besucher aufgefordert, sich zwischen verschiedenen Antwortmöglichkeiten zu positionieren. Dabei geht es unter anderem darum, welche Baumarten wachsen sollten, wie der Wald genutzt wird, welche Flächen offen bleiben sollten, ob Rehe stärker bejagt oder wie der Wald bewirtschaftet werden sollte. Jede Antwort ist mit einem Symbol verknüpft, am Ende ergibt sich ein individueller „Waldtyp“, der die eigene Haltung widerspiegelt und gleichzeitig zeigt, dass andere Funktionen des Waldes nicht ausgeblendet werden können. Die Initiatoren betonen, dass der Walddenkpfad dazu beitragen soll, die eigene Haltung zu reflektieren und Verständnis für andere Sichtweisen zu entwickeln. Verständnis füreinander zu fördern helfe, den Wald als wertvollen, facettenreichen Lebensraum für möglichst viele Menschen zu erhalten. Über QR-Codes an den Stationen lassen sich zusätzliche Informationen abrufen.
Dass die Stationen nicht polarisieren, ist Teil des Konzepts. Das Linguistik-Team um TU-Professorin Nina Janich entwickelte den Ansatz eines „Typentests“ – als niederschwelligen Einstieg in komplexe Fragen. Parallel wurde untersucht, wie unterschiedlich über Wald gesprochen wird. Das Ergebnis: Die Konfliktlinien verlaufen oft weniger klar, als es öffentliche Debatten vermuten lassen. Auch politikwissenschaftlich wurde analysiert, welche Interessen aufeinandertreffen – und wie sich daraus gesellschaftliche Diskussionen entwickeln. Die biologischen Teilprojekt um JMU-Professorin Nadja Simons lieferte die Grundlage zu Themen wie Artenvielfalt, Waldstruktur und den Folgen von Trockenheit. So wird aus Forschung ein Rundweg, der zum Mitdenken einlädt. Der Denkpfad kann auf der Projekt-Homepage auch online "begangen" werden.
Der Walddenkpfad ist Ergebnis des interdisziplinären Forschungsprojekts in Kooperation mit science 42 (gestalterische Umsetzung: Phildius Wissenskommunikation). Das Projekt mit dem offiziellen Titel „Der Wald als Diskursarena zwischen Klima- und Biodiversität“ wurde vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat gefördert. Im Mai wird es von der Vereinigung von Freunden der Technischen Universität zu Darmstadt mit einem Preis für Nachhaltigkeit und Interdisziplinarität ausgezeichnet, der mit 2.000 Euro dotiert ist.




